Oberste Baubehörde: Wohnmodelle "Gemeinsam bauen und leben"

 

Aus der Obersten Baubehörde des Bayerischen Staatsministeriums des Innern:


Gemeinsam bauen und leben

Ein Modellvorhaben der Initiative

Zukunft des Wohnungsbaus

von Dipl.-Ing. Doris Schmid-Hammer, Baudirektorin


Auf künftige Entwicklungen des Wohnungsbaus und hier besonders auf Lösungsmöglichkeiten, die den Ansprüchen einer sich rasch wandelnden Gesellschaft noch mehr gerecht werden können, richtet sich das Hauptaugenmerk der Initiative Zukunft des Wohnungsbaus . Neben Veranstaltungen, Veröffentlichungen, Wettbewerben und Ausstellungen sind neue Modellvorhaben ein Schwerpunkt der Initiative.


Die Erhaltung stabiler Bewohnerstrukturen ist nicht nur ein Thema in bestehenden Quartieren. Auch bei neuen Siedlungen ist die Schaffung sozial ausgewogener Nachbarschaften mit der Kraft und dem Willen zur Selbstverantwortung und zur Integration ein wichtiges Ziel. Partizipation in der Planungsund Bauphase lassen bereits von Beginn an nachbarschaftliche Beziehungen entstehen und führen langfristig zu einer hohen Identifikation mit dem Wohnumfeld. Bewohnergruppen, die ohne staatliche Reglementierung eine Zielvereinbarung zur eigenverantwortlichen Betreuung von Kindern und Jugendlichen, zur Hilfe für ältere oder pflegebedürftige Nachbarn oder zur Integration ausländischer Nachbarn umsetzen, erfüllen damit einen hohen öffentlichen Nutzen. Das in Vorbereitung befindliche Modellvorhaben Gemeinsam bauen und leben will an einigen Projekten mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten Lösungswege für gemeinschaftliche Wohnmodelle aufzeigen und Erkenntnisse sammeln, die neue Wege im Wohnungsbau aufzeigen.


Ausgangspunkt sind die Veränderungen in den Familienstrukturen, im Altersaufbau der Gesellschaft und in der Arbeitswelt. Sie stellen den Wohnungsbau vor neue Aufgaben, die wir nicht mehr mit herkömmlichen Wohnungsund Siedlungsmustern lösen können. Der Wegfall traditioneller familiärer und nachbarschaftlicher Strukturen führt einerseits immer häufiger zu einseitigen Bewohnerstrukturen, Verarmung und Vereinsamung vor allem älterer Menschen. Verwahrlosung und Vandalismus in Wohngebieten nehmen zu. Andererseits werden Möglichkeiten zur Schaffung neuer, selbst gewählter und organisierter Nachbarschaften eröffnet, die es zu nutzen und zu unterstützen gilt.


Erste Ansätze zu diesem Themenbereich fanden sich bereits in den Wohnmodellen der achtziger Jahre, ebenso in einigen Projekten der Modellvorhaben Wohnungen in Holzbauweise und Das bezahlbare eigene Haus. Das neue Modellvorhaben will sich auf weitergehende Konzepte der Beteiligung und Selbstorganisation konzentrieren. Im Modellvorhaben Gemeinsam bauen und leben sollen an 5 –7 Standorten Siedlungen mit jeweils 20 –70 Wohneinheiten entstehen, in denen die Möglichkeiten zu nachbarschaftlicher Nähe genauso wie individuelle Rückzugsmöglichkeiten geboten werden. Es gilt, soziale Isolation aufzuheben und Formen des Zusammenlebens in vielfältigen Übergangsformen von Nähe und Distanz zu erproben. Die Mitwirkungsmöglichkeiten am Planungs- und Bauprozess und der gemeinsame Aufbau einer Struktur- und Rechtsform zur Selbstorganisation sollen für die jeweilige Baugruppe untersucht und damit für nachfolgende Projekte nutzbar gemacht werden.


Durch gemeinsames Handeln eröffnen sich ebenso Möglichkeiten zum kostengünstigen Bauen. Für junge Familien ergibt sich dadurch die Möglichkeit, Wohneigentum zu schaffen. Der Bau und Betrieb von Gemeinschaftseinrichtungen und die Organisation sozialer Netze wie zum Beispiel Kinderbetreuung oder Hilfe für ältere Mitbewohner sind nicht nur eine Erleichterung für den Alltag des Einzelnen, sondern senken gleichzeitig Lebenshaltungsund Wohnkosten. Inwieweit sich diese Zielsetzungen innerhalb der sehr unterschiedlichen Initiativen umsetzen lassen, wird sich in diesem Modellvorhaben zeigen und soll wissenschaftlich begleitet und untersucht werden.


Ein qualitätsvoller Städte- und Wohnungsbau, in dem sich der Gemeinschaftsgedanke ausdrückt, ein ökologisches Gesamtkonzept sowie flexible Grundrissüberlegungen werden bei allen Modellprojekten vorausgesetzt. Im Bereich der Selbstorganisation und Partizipation entstehen neue und oft ungewohnte Aufgaben bei Bauherren, Architekten bzw. externen Projektbetreuern durch die Organisation der Abstimmungsprozesse bei Wahrung des Gesamtziels

 

- das Ausloten von individuellen Wohnvorstellungen

- die Zusammenstellung der Nachbarschaften

- die Vereinbarung über Gemeinschaftsflächen und

- den Aufbau von rechtlichen und finanziellen Strukturen.



 

Eine Reihe von Projekten, zum Teil schon bezogen oder in Planung oder Bau, seien hier genannt:

- das Pilotprojekt wagnis in München, eine eigentumsorientierte Genossenschaft mit 140 Wohnungen in fünf Häusern und mehreren Gemeinschaftseinrichtungen (S. 14 ff.)


 

- die Senioren-Wohngemeinschaft in Nürnberg mit dem Motto Selbstorganisiert Wohnen im Alter (S. 19)


 

- das Familiendorf in Starnberg mit dem Ziel einer kooperativen Nachbarschaft (S. 34)


 

- Villa Kunigunde in Bamberg, Mo dernisierung eines Gebäudes unter Denkmalschutz mit viel Eigenleistung (S. 22)


 

- Das Projekt Höchberg – Mehle II für junge, kinderreiche Familien und Senioren in einer Dorfstruktur


 

- Gemeinsames Bauen und Leben in Deggendorf mit getrennten Bereichen und einem gemeinsamen Verknüp fungsbereich (S. 17).

 


 

Erste Ergebnisse des Modellvorhabens liegen mit Abschluss des Pilotprojekts wagnis am Ackermannbogen in München und der Wohnanlage in Nürnberg vor. Für die Durchführung der einzelnen Modellvorhaben ist dabei mit längeren Zeiträumen als bei üblichen Förderprojekten zu rechnen. Ob sich die Erwartungen erfüllen, dass diese Wohnform zu einer langfristig ausgewogenen und stabilen Nachbarschaft mit gegenseitigem Engagement und hoher Wohnzufriedenheit führt, und damit einen Beitrag zu den Wohnlösungen der Zukunft darstellt, werden die Projekte des Modellvorhabens zeigen.

 

 

 

 

 



Dieses Projekt wurde
realisiert mit freundlicher
Unterstützung des


Bayerischen Staatsministeriums
für Arbeit und Sozialordnung,
Familie und Frauen