Lebensräume - neues Wohnen in Riem
Ergebnisse:
Bei der Abschlußveranstaltung im Haus der Gegenwart am 19.09.05 werden die Schülerarbeiten präsentiert und die Ergebnisse vorgestellt.

Schüler, Lehrer und Gäste diskutieren unter der Moderation der Kuratorin des Hauses der Gegenwart, Frau Straße, mit der Architektin, Frau Ritter, und Frau Skok vom Vorstand der Wogeno.

Lebensräüme - neues Wohnen in Riem
aus Sicht der Jugendlichen

Standort – grün ist nicht gleich grün!

Jugendliche, die aus einem städtischen, bildungsbürgerlichen Kontext kamen, konnten die Lage im Grünen als einen sehr positiven Standortfaktor schätzen. Die gesamte städtebauliche Struktur des Riemer Viertels wurde jedoch, trotz guter Verkehrsanbindung und guten Einkaufsmöglichkeiten, als zu wenig durchmischt und unlebendig eingestuft.

Im Gegensatz dazu fanden die Jugendlichen, die teilweise aus sehr ländlichen Umgebungen mit bis zu  200qm Wohnfläche und 1000 qm Garten stammten, die Lage im Grünen längst nicht so attraktiv. Ganz andere Platzverhältnisse gewohnt, erschienen ihnen die privaten Grünflächen viel zu klein und die Wohnungsdichte der WOGENO Häuser war ihrer Ansicht nach sehr hoch.

Die Funktion – zusammenleben, aber wie?

Die gemeinschaftliche Wohnform, wie sie in der Wohnanlage der WOGENO praktiziert wird, wurde von den meisten Jugendlichen als sehr positiv bewertet. Auf die Frage, ob sie sich selbst vorstellen könnten in dieser Form zu leben wurden jedoch Einschränkungen laut. Diese können zum großen Teil auf die Lebensschwerpunkte (Abgrenzung, Identitätsfindung) der Pubertät zurück geführt werden. Die meisten Jugendlichen empfanden daher die Vorstellung selbst in dieser Form von Gemeinschaft zu leben eher als Zwang, denn als Chance. Für Jugendliche vom Land war diese Idee des Zusammenlebens, außerhalb einer (Groß-)familie, sogar eher exotisch. 

Im Gegensatz dazu bietet das Haus der Gegenwart, gerade auch für Jugendliche, eine klare architektonische Antwort auf das Bedürfnis nach ausgewogener Abwechslung zwischen Rückzug und Gemeinschaft.

Bei der Vorstellung mit einer Familie mit Kleinkindern dort zu wohnen, sahen die Jugendlichen eindeutig Probleme. Faktoren, wie die Unüberschaubarkeit des Grundrisses für Kleinkinder und der Eindruck, dass die Bewohner in ihrem  Tagesablauf durch die Raumanordnung zu stark voneinander getrennt leben, spielten bei dieser Einschätzung eine große Rolle.

Es ist interessant festzustellen, dass Jugendliche eine sehr deutliche räumliche Vorstellung des Zusammenlebens haben. Familie wird vom Raumgefüge her dichter und vernetzter gedacht, als die Wohngemeinschaft oder die Paarbeziehung.

Die Zonierung – wieviel Privatheit ist nötig, wie viel ist möglich?

Große Fenster sind hell und bringen viel Licht. Aber sie bieten für Nachbarn, auch die Möglichkeit zu beobachten, was im Haus passiert: „Man bewegt sich hier ja, wie im Schaufenster“ war ein Kommentar zum aufgeständerten, Licht durchfluteten Gemeinschaftraum des Hauses der Gegenwart. Die Jugendlichen reagierten sehr sensibel auf nicht vorhandene räumliche Schwellen und  Zonierungen.

So waren Ihnen die Privatgärten in den WOGENO Häusern, die von jedem durch einen Pfad umwandert werden können, zu wenig von den Blicken der „Anderen“ geschützt.

Der Gemeinschaftraum des Hauses der Gegenwart wurde, trotz der Raumteilung durch die Treppen, als zu undifferenziert empfunden, denn Fernsehen, Kochen, spiele Spielen und Lesen können nicht unbedingt in einem Raum stattfinden. Auch die Tätigkeiten in der Gruppen brauchen nach der Ansicht der Jugendlichen einzelne voneinander getrennte Räume. 

Auch die  „Privatboxen“ erschienen den Jugendlichen durch fehlenden Raumkanten schwer zonierbar: Hinter der Frage „Wie soll ich mich dort gemütlich einrichten?“ verbarg sich der Wunsch nach der Möglichkeit den Individualraum in klare Bereiche zum Lesen, Schlafen und Schreiben aufteilen zu können. (Jugendliche, die alles in einem Zimmer machen müssen, sind eben wirkliche Experten in Zonierungsfragen!)

Privatheit ist ein erstaunlich oft genanntes Kriterium für Wohnzufriedenheit, was vermutlich stark mit der Entwicklungsphase der Jugendlichen zusammenhängt.

Das Material – weiß und glatt wirkt nicht immer neutral!

Sogar architektonische gestalterische Kriterien wie die Wirkung von Materialien und ihre Oberflächenbeschaffenheit wurden von den Jugendlichen genau unter die Lupe genommen:

Die Holzfassade der WOGENO Häuser wurden warm und freundlich empfunden. Das Stahlgerüst der Balkonvorbauten und die blaue Fassadefarbe dagegen als zu kühl und deshalb unpassend.

Die Idee des „neutralen Raumes“ im Haus der Gegenwart wurde von den meisten Jugendlichen nicht verstanden. Das viele Weiß und die glatten, oft als kantig bezeichneten, Oberflächen wirkten auf sie viel zu kühl, unpersönlich und zu wenig individuell. Nur die Schülerinnen der Berufsfachschule für Hauswirtschaft erkannten sofort, die Möglichkeiten der Innenausstattung, die in einem solchen Ansatz liegen.

Eine gestalterische Aneignung der Räume können sich die Jugendlichen nur schwer vorstellen, Gestaltungsmöglichkeiten sehen nur dei SchülerInnen aus den musisch orientierten Schulgattungen.

Auch praktische Aspekte, wie das Putzen weißer Böden und großer Fensterflächen wurden von einigen Jugendlichen in Erwägung gezogen, von Mädchen insbesondere vor dem Hintergrund der klassischen Rollenverteilung.

Die Gestalt – was ist eigentlich modern?

Die eher  kühle haptische Wirkung der Materialien und ihrer Oberflächen des Hauses der Gegenwart, wurden durchweg als Zeichen für Modernität gedeutet.  Modern bedeutet für die Jugendlichen auch „Mal was anderes, als man gewohnt ist“. Sei es in der Formensprache oder in der Raumidee.

Modern ist für sie soviel wie „großzügig im Raumangebot“, „hell und licht vom Eindruck“, „interessante, ungewohnte Materialien (z.B. „Metall“ als Fassade)“, „eine andere, neue Formensprache (z.B. ein Haus wie ein Würfel)“, um nur einiges zu nennen.

 

Wirtschaftlichkeit – wohnen, wie gewohnt?

Wohnwünsche, wie ein Haus mit  zehn Zimmern und ein Pool inmitten eines großen Gartens, äußern die Jugendlichen eher wie im Kontext eines MONOPOLI Spiels denn im Kontext der Realität. Die ökologische Wichtigkeit von Flächen sparendem Bauen oder das Leben bestimmende Zusammenhang von Wohnraumgröße und Mietkosten, gerade in Ballungsräumen, hat für sie noch keine nennenswerte Relevanz, sondern eher Kuriositätencharakter. 

Eine realistische Einschätzung der eigenen Lebenschancen und wirtschaftlichen Zukunftsperspektiven besteht nicht. Die Erwartungen sind sehr stark vom sozialen Kontext des Elternhauses geprägt und es besteht allgemein die Erwartung in Zukunft unter vergleichbaren Bedingungen zu leben.

 

Ökologie –  solange ich mich nicht einschränken muss!

Ein allgemeines Bewusstsein und ein gewisser Konsens über die Notwendigkeit, gewisse ökologische Belange zu beachten, war bei den meisten Jugendlichen vorhanden.  Angesichts des Hauses der Gegenwart wurden Fragen zum Verhältnis von Kompaktheit und Energieverbrauch laut und die Solaranlage der WOGENO stieß auf sehr positive Resonanz.

Unvorstellbar hingegen und sehr erklärungsbedürftig war für alle Jugendlichen das autofreie Wohnkonzept der WOGENO, trotz guter Verkehranbindung an die Innenstadt. Persönliche Mobilität hat Vorrang vor der Ökologie und scheint für Jugendliche immer noch sehr eng mit dem Auto verknüpft zu sein.

Jugendliche im Dialog über Architektur

Erfahrungen, Beobachtungen, Visionen

Die persönliche Wohnform und Sozialisation der Jugendlichen, sowie räumliche Erfahrungen beeinflusst stark ihren Blickwinkel und die Beurteilung von Gebäuden, städtebaulichen Situationen und Wohnformen.

Es waren je nach Schulform und Herkunft, sozial wie geografisch, große Unterschiede in der Wahrnehmung festzustellen.

So hatten z.B. die Schülerinnen der Berufsfachschule für Hauswirtschaft einen sehr kritischen Blick für die Funktionalität der Gebäude, die Schüler der Waldorfschule oder des musischen Gymnasiums eher einen gestalterischen, ästhetischen Blickwinkel. Eine Übergangsklasse (Jugendliche, die erst zwischen drei Monaten und einem Jahr in Deutschland sind), überwiegend geprägt von den ländlichen  Großfamilienstrukturen ihrer Heimatländer, waren erstaunlich offen gegenüber den für sie eher  fremden Wohnformen der WOGENO und des Hauses der Gegenwart.

Kinder aus bürgerlichen, städtischen Milieus konnten z.B. den gemeinschaftsorientierten Ansatz der Wogeno schätzen und sind auch neuen Formen des Zusammenlebens aufgeschlossener. Für auf dem Lande aufgewachsenen Jugendlichen sind soziale Netzwerke und familiäre Strukturen am Ort z.T.  noch eine Sebstverständlichkeit, sodaß die Privatheit der Wohnung von großer Bedeutung ist.

Das räumliche, territoriale Empfinden wurde sehr stark von der eigenen Erfahrung geprägt, sodaß von Jugendlichen aus ländlichen Gemeinden die heute üblichen Wohnungs- und Raumgrößen sowie Freiflächen als beengt erlebt wurden.

Es war bemerkenswert, dass die Jugendlichen ein instinktives Gefühl für räumliche und gestalterische Zusammenhänge haben. Diese jedoch oft nicht so präzise in den richtigen Zusammenhang bringen können. Aber mit Hilfe von Fachleuten, die sie bei diesem Transfer unterstützen, auf sehr wichtige Aspekte in der Beurteilung von räumlichen, gestalterischen und sozialen Fragen stoßen.

Von Seiten der Jugendlichen bestand großes Interesse und viel Bereitschaft sich mit der Gestaltung von Lebensräumen auseinander zu setzen, darüber zu diskutieren und neue Ideen einzubringen.

Nach eine Phase des Wohnens in einer WG oder auch allein, insbesondere von den Jungs häufig genannt, gehen die Jugendlichen allgemein davon aus später in einer Familie zu leben.

Sie setzen in der Regel auch voraus, den sozialen Status des Elternhauses beizubehalten.

Zahlreiche Jugendliche, vor allem aus ländlichen Gemeinden,  können sich kein Leben in einer anderen räumlichen Situation vorstellen. Eine häufig genannte Lebensperspektive ist jedoch nach wie vor die WG in einer innerstädtischen Altbauwohnung.

worauf kommt es an?

Abschließend lässt sich feststellen, dass sich Gespräche mit Jugendlichen über Architektur dann ergiebig und anregend für alle Beteiligten gestalten, wenn man einige wesentliche Punkte beachtet:

  1. Die momentane Lebenssituation der Jugendlichen ist der Schlüssel zum Verständnis des Blickwinkels mit dem Jugendliche ihre gebaute Umwelt wahrnehmen.

    Jugendliche sind Experten in eigener Sache. Nimmt man die Aussagen von ihnen ernst, auch wenn sie nicht in der entsprechenden Fachsprache formuliert sind, hat man eine wertvolle Quelle für die Wohn- und Gestaltungsbedürfnisse eines wichtigen Teils der Bevölkerung. Es werden Prognosen zu künftigem Wohnverhalten aus gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Sicht möglich.

    Auch Wohnen will gelernt sein. Für die Wohnzufriedenheit ist es wichtig:                                                
    - eigene Bedürfnisse zu erkennen, zu hinterfragen und zu formulieren
    - Gestaltungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten zu erkennen und
    - Faktoren zu erkennen, die Wohnzufriedenheit bestimmen

      Der Workshop zeigt, dass es eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe ist Architektur als relevantes Gesprächsthema zu etablieren und Architekturkompetenz sehr frühzeitig  zu fördern. Wer mitreden will, muss wissen worüber er redet. Wer mitbestimmen will, muss kompetent sein:
      ·       gestalterische Fragen beurteilen können,
      ·       Verständnis für die komplexen Zusammenhänge des Entstehens von Architektur haben,
      ·       den gesellschaftlichen und sozialen Kontext im Blick haben,
      ·       und sich artikulieren können!

      Diese Aufgabe muss bei der Jugend ansetzen,

      denn Jugendliche sind die Bauherrn und Mieter von morgen!


      Miriam Mahlberg, Jan Weber-Ebnet
      Sept. 05